Das Jahr der Legenden – Prolog


„Jedes Leben ist vorherbestimmt und jedes Leben wird den Weg gehen, den es gehen muss. Egal wie es anfängt, das Schicksal macht vor keinem Individuum halt. Es ergreift es und schleudert es durch den Sog des Lebens. Unerheblich, welche Entscheidungen man trifft, es zieht auf die eine oder andere Weise immer Konsequenzen mit sich. Erst am Ende werden wir wissen, ob es die richtigen Entscheidungen waren.“

Aus: Philosophische Grundverständnisse; Band IV


Im fahrigen Dunst der Nacht schlich ein älterer Mann durch die Nacht, in seinem Arm ein Bündel. Es bewegte sich nicht, denn der Säugling schlief tief und fest. Die schweren Schritte des Mannes liefen zügig in Richtung der riesigen Arena, während er sich immer wieder panisch umschaute. Sein zerlumpter Umhang verbarg gut die wertige Kleidung darunter und auf den ersten Blick hielt man ihn sicherlich für einen Bettler. Ständig blickte er über die Schulter, doch kein Geräusch trübte den Schlaf der ruhig am Wasser liegenden Stadt und der Mann erreichte ungehindert sein Ziel. Am gedrungenen Eingang der unüberblickbaren Steinmauer stand ein gelangweilter Wachmann, der nur noch wenige Stunden seiner Schicht überstehen musste. Es behagte ihm gar nicht, dass aus der Dunkelheit auf einmal ein älterer Mann auftauchte und schließlich vor ihm anhielt. „Sie wünschen?“ fragte er unfreundlich, in der Hoffnung, ihn schnell wieder los zu werden. Der Mann streckte ihm das Bündel entgegen. „Hier“, raunte er. „Nehmen sie das Baby, es…“ Der Mann zögerte, rang mit sich. „… soll eine Legende werden.“ Äußerlich nickte der Wachhabende neutral, doch innerlich zog sich sein Herz zusammen, wie bei jedem Baby, das er entgegen nehmen musste. Niemals würde er seine kleine Tochter oder irgendein Kind als Legende opfern. Unwillkürlich fragte der Wachmann sich, weshalb der Mann den Säugling hier hin brachte. Die Gründe, weshalb die Kleinen abgegeben wurden, waren unterschiedlich. Manche erhofften sich eine bessere Zukunft für ihr Kind, andere wollten das Geld und wieder andere wussten nicht wohin mit ihm. Die Kinder wurden ausgebildet, um mit nicht einmal 16 Jahren im Kampf gegen die Monster zu sterben. Es war ein grausames Spiel. Der scheinbar lumpige Mann fuhr schnell fort. „Das sind seine besten Überlebenschancen.“ Der Wachmann hielt perplex inne. „Sind sie sicher?“ Hier überlebten keine Kinder, hier starben sie. Der Unbekannte drängte. „Wie ich schon sagte, es sind seine besten Überlebenschancen.“ Seine Stimme hatte einen gehetzten Unterton angenommen. Mit einem gezwungenen, aber geübt neutralem Nicken nahm der Mann den scheinbar friedlich schlummernden Säugling entgegen und wandte sich an den Mann. „Wie heißt das Kind?“ Es dauerte einen Moment bis dieser antwortete. „Duke. Nur Duke.“ Der Wachhabende nickte, betrachtete das Kind traurig und sagte sachlich. „Der Spiel-Rat wird Ihnen Ihre Prämie von siebzig silbernen Granne in Kürze aushändigen.“ Der Mond kam zwischen den Wolken hindurch und beleuchtete die dunklen Gassen. Der Wachmann kniff die Augen zusammen. Was hatte der Junge, er wirkte so seltsam. Seine behandschuhten Hände fuhren über das Gesicht des Kindes. Er hob die Hand ins Mondlicht und betrachtete sie. Blut klebte an ihr. „Was zum Teufel?“, murmelte er und schaute auf, doch niemand stand mehr vor ihm. Weit vor sich sah er den Mann mit wehendem Mantel in einer Gasse verschwinden.

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