Kapitel 3: Äußerlich stark

Duke


„Jedes Paar, das sein Kind dem Spielrat überlässt, erhält als Ehrung siebzig silberne Granne. Die Vormundschaft wird anschließend auf den Spielrat übertragen, die Eltern verlieren ihre Rechte an dem Kind. Das Kind wird Eigentum des Spielrates.“

Aus: Befugnisse des Spielrates; Unterpunkt: Mündel


„Warum musstest du so fest zuschlagen?“, beschwerte sich Midas sofort bei Duke und trat auf ihn zu. Midas Stimme klang verärgert. Duke zuckte jedoch nur mit den Schultern und erklärte: „Weil Brom gemerkt hat, dass ich mich zurückhalte. Deshalb mussten wir auch ohne Waffen weiterkämpfen.“ Brom konnte wirklich fies sein und der Lehrer kannte seine Schüler sehr genau. So war es ihm auch nicht entgangen, dass Duke und Midas heimlich befreundet waren. Dukes bester Freund antwortete mit einem „Pf“ und ging an ihm vorbei. Duke folgte ihm seufzend und ließ seine eingerenkte Schulter vorsichtig kreisen. Für diese kleine Verletzung war er nicht in die Krankenstation gegangen. So etwas konnte er selber. Ohne sich umzuschauen sagte Midas: „und das mit der Schulter wäre auch nicht nötig gewesen. Bisschen zu theatralisch.“ „Du bist nur verärgert, weil du verloren hast“, entgegnete Duke belustigt und massierte das leicht schmerzende Gelenk. Midas entgegnete nichts mehr und zusammen traten sie in den Duschraum ein, um den Schweiz und Sand von sich abzuwaschen. Etwas Mitleid hatte Duke mit seinem Freund schon, dessen Gesicht geschwollen und blutverschmiert war, aber beim Kämpfen passierte so etwas nun einmal. Der dunkle Raum war ganz nebelig, denn das Wasser, das hier benutzt wurde, wurde von einem Vulkan tief unterhalb der Stadt erhitzt und hochgedrückt. Wasserleitungen verteilten es in der ganzen Stadt und im Duschraum lief es unentwegt. Duke trat in eine der Duschkaninen und entkleidete sich. Jetzt hätte man theoretisch die anderen Narben an seinem Oberkörper sehen können, doch die hielt er stets verdeckt. Nur Midas wusste von ihnen, schließlich waren sie beste Freunde. An seiner rechten Schulter war es besonders schlimm. Irgendeine Waffe hatte ihm die Sehnen und den Knochen der Schulter zerfetzt. Als er hier abgegeben worden war, hatte man ihn mit Magie und Medizin so gut es ging wieder zusammengeflickt. Alles konnte die Magie jedoch nicht heilen. Eine Folge der schweren Verletzung war, dass sich seine Schulter leicht auskugeln ließ. Duke überspielte es gerne, zum Beispiel, indem er sich zu einem Linkshänder umerzogen hatte. Um den Arm zu entlasten. Feinere Arbeiten konnte er mit der Hand ohnehin nicht ausführen. Irgendetwas schien nicht ganz verheilt zu sein. Wer auch immer ihm das angetan hatte, er würde es irgendwann bitter bereuen. Dieser Gedanke war das einzige, was Duke hier drinnen am Leben hielt und ihn kämpfen ließ wie einen Irren. Sobald er das Spiel überlebt hatte, würde er sich auf die Suche nach dem machen, der für seine Entstellung, aber vor allem für seinen seelischen Schmerz verantwortlich war.

Das warme Wasser hatte die gereizten Muskeln und Sehen in seiner Schulter wieder beruhigt und Duke fühlte sich frischer. Der Schmerz ließ nach. Er zog sich seine Klamotten erneut an und wartete auf Midas, der kurz nach ihm den Duschraum verließ. Die weißen Haare klebten in seinem Nacken und im Gesicht, doch die Augen waren im Moment von einem leichten Braun. Immer wenn Midas in einen warmen Raum kam, passierte es, doch das würde gleich wieder weg sein. Duke hatte es schon häufiger beobachtet. Sein bester Freund verbarg es, weil er meinte, dass es seine Lage nur noch schlimmer machen würde. „Länger oder kürzer?“, fragte Midas ihn und deutete auf seine Haare. Das Blut war weg und das Gesicht weniger geschwollen. Duke überlegte einen Moment und meinte überlegend: „Lang, das wäre mal etwas anderes.“ Midas nickte zufrieden. „Hatte ich mir auch überlegt. Einen Ruf habe ich schließlich nicht zu verlieren.“  Die beiden Jungen lachten und verließen getrennt den dunklen Gang.

Es tat Duke ein wenig weh, Midas alleine zu lassen und selber zu seinen anderen Freunden zu gehen, aber sie hatten vor langer Zeit einmal gemeinsam entschieden, dass sie dadurch mehr Vorteile hätten. Duke bekam immer was er wollte und konnte es so häufig mit Midas teilen. So hatten sie beide etwas von Dukes Ruhm.

Die Sonne stand wie gewohnt noch hoch über der Mauer, als Duke allein über den Platz des Loches ging, um auf der anderen Seite sein Abendessen abzuholen. Im Sommer aßen sie draußen und nur, wenn es ganz kalt war, aßen sie in einer Steinhalle innerhalb der Gewölbe.

Der Junge hatte die Hälfte der Strecke erreicht, als Owen an ihn herantrat. Wie er diesen eingebildeten Schnösel so überhaupt nicht leiden konnte! Aber es passte nicht zu seinem Image, den Adelsspross abzuweisen, galt er selbst doch als beliebt und war trotz seiner aufgesetzten Schweigsamkeit und ruppigen Art ein gefeierter Held. „Hey, hast das Ungeziefer ja heroisch besiegt. Exzellent Meister!“ Zur Antwort ließ Duke ein Nicken zu und unterdrückte den Impuls, Owen zu verprügeln. „Ich gehe zwar gleich nach Hause, aber begleite dich gerne noch bis zum Essen.“ In Owens Worten schwang die gewohnte Arroganz mit. Unkommentiert stapfte Duke weiter. Owen war einer dieser Menschen, die nur so lange nett zu einem waren, bis man keinen Nutzen mehr für ihn darstellte. Überlebte er das Spiel, würde der reiche Junge alle anderen hier wie eine heiße Kartoffel fallen lassen.

Als der Geruch des süßen Maisbreis Duke in die Nase zog, krampfte sich sein Magen hungrig zusammen und er beeilte sich, zu der Ausgabe zu gelangen. Owen ließ sich glücklicherweise zurückfallen und Duke ging alleine weiter. Immer wieder spürte er die ehrfürchtigen Blicke der Legenden in seinem Rücken, besonders die der jüngeren Kinder. Er musste grinsen. Wenn die nur wüssten, dass das mit der Schulter ein schlechter Zaubertrick war. Einer von diesen, bei denen man enttäuscht war, wenn man erfuhr wie er funktionierte.

An der Essenschlange stellte er sich erst gar nicht an, sondern schupste einen der Kleinen beiseite und nahm sich seine Schale. Es war gut, wenn die anderen ihn fürchteten. Niemals wollte er Schwäche zeigen. Die verängstigte Legende gab keinen Laut von sich und stellte sich erneut an. Duke dagegen ging zu seinem Stammtisch und ließ sich auf den freien Stammplatz fallen. Die restlichen Bänke an diesem Tisch waren restlos belegt. Ihm klaute allerdings niemand der Jugendlichen den Platz. Insgesamt waren sie dreißig Legenden pro Jahrgang, aber kurz vor den Spielen nächstes Jahr würden bestimmt nochmal zehn dazu kommen. Es waren unerfahrene Kriminelle, die keine Chance hatten, das Spiel zu überleben. Seit Duke denken konnte, trainierte er. Kein 17 Jähriger konnte dies in einer Woche erlernen. Das war eine Grausamkeit des Spiels und sollte es spannender machen, denn das Publikum wusste nicht wer die erfahrenen und unerfahrenen Spieler waren. Nächstes Jahr war sein Jahrgang an der Reihe. In wenigen Wochen würde der Lärm des Spiels wieder zu ihnen hinüber dringen. Danach begann ihr Jahr. Ein flüchtiger Blick zu den Älteren bestätigte, dass sie schon jetzt nervös waren und unruhig. Bald war keiner mehr von ihnen da, bald saßen sie an dieser Stelle. Duke schluckte und widmete sich lieber wieder seinem Essen. Owen hatte neben ihm Platz genommen, ohne sich Essen geholt zu haben und protzte: „Seht euch diesen Arm an – nicht ein bisschen sieht man von der schweren Verletzung und habt ihr Duke einmal schreien gehört?“ Die Jungen grölten los und Duke tat so als ließe er sich feiern. Owen aalte sich wie eine dreckige Schlange in der Anerkennung, die nicht ihm galt, sondern Duke. Dieser hob seinen rechten Arm wortlos in die Höhe und formte seine Hand zu einer Faust. Wie viele von ihnen wohl überleben würden? Sein Blick richtete sich auf das Feld, wo er zwischen den Köpfen der Jungs Midas entdeckte, der mit seinem Maisbrei einen Platz unter einem der Bäume gefunden hatte. Duke erhob sich und dröhnte: „wer will noch etwas? Ich!!“ Er ging zu einem Nachbartisch und riss einem elfjährigen Kind das Essen weg. Dieser biss die Zähne zusammen, aber Duke sah deutlich, dass er kurz davor war, zu weinen. Seine Jungs brüllten los und Duke ließ sich feiern. Auch ihm war als kleiner Junge einmal das Essen abgenommen worden und er wusste, dass einen das nur stärker machte.

Langsam senkte sich Dunkelheit über das Loch und die Legenden verließen den Essensplatz, um ihre Kammern in den Gemäuern aufzusuchen. Jeder Jahrgang hatte einen eigenen Gang. Jeweils zu viert teilten sie sich ein Zimmer, die alle an einen langen Flur angelegt waren. Dieser Flur hatte zwei Türen. Eine führte ins Loch, am ersten Ende und die andere verwehrte den Weg in die unterirdischen Katakomben, bis hin zur Arena. Diese Tür blieb immer verschlossen und stets bewacht. Jedes Jahr wechselten sie den Gang, immer näher Richtung Arena. Hinter der letzten Türe, des letzten Flures läge nur noch ein schmaler Gang zur Arena.

Duke betrachtete die Tür seines Ganges flüchtig. Sie war von einem dunklen Grün und Einsen Balken verstärkten sie. Als hätte jemals jemand daran gedacht, abzuhauen. Er zumindest nicht. Er war ein guter Kämpfer und sah keine Notwendigkeit darin, sich zu verweigern. Bei anderen war er sich nicht so sicher. Aris, der verrückte, der immer mit sich selber redete, betrachtete die grüne Türe gerne einen Moment zu lange. So lange, dass es Duke auffiel. Die letzten beiden aller Türen würden von einem flammenden Rot sein. Einem Königsblut. Dem rot von Blut. Dem Blut der Legenden, sagten die Ältesten immer. In wenigen Wochen würde auch er durch die erste der roten Türen gehen und den letzten aller Gänge sein neues Zuhause nennen.

Duke schüttelte den Kopf und versuchte die leichte Unruhe abzuschütteln. Bisher waren die Arena und der Kampf noch so weit von ihm weg gewesen. Er trat in seinen Gang hinein und lief auf die zweite grüne Türe zu. Viel zu plötzlich wirkte das Spiel viel zu nah. Er bog kurz vorher in sein Zimmer ab und die Türe verschwand aus seinem Blickfeld. Eigentlich wollte Duke die rote Tür nicht wahrhaben, denn sie bedeutete, dass seine Zeit ablief.

Er trat in sein Zimmer ein und kletterte hinauf in das hölzerne Hochbett. Die Matratze war hart, aber die Decke aus Kree Fell war warm und kuschelig. Schnell wickelte er sich in sie ein und schloss die Augen. Still lauschte er dem Knarren der grünen Tür als Owen durch sie hindurchtrat, um nach Hause zu gelangen. Er durfte die Türe durchqueren, er hatte Eltern, die dafür bezahlten. Er dagegen war bestimmt von seinen Eltern verkauft worden und sie hatten die siebzig silberne Granne für irgendetwas verschleudert. Ob sie wussten, was sie ihm angetan hatten? Was er hier durchmachen musste? Der sich einsam fühlende Junge schluckte und dachte an seinen besten Freund, der es viel schwerer hatte, als er. Die anderen drei Jungen kamen ins Zimmer und legten sich ebenfalls in ihre Betten. Sie gehörten wie er zur kämpferischen Elite der Legenden. Ähnlich wie er, wirkten sie stark und rau, aber keiner von ihnen, nicht einmal Duke gab zu, wie es in ihnen drin aussah.

So lauschten sie allen vieren den ersten Schreien der Monster, weit entfernt in den Kerkern der Gemäuer und schwiegen. Sie brachten sie also schon jetzt in die Kerker. Keiner zeigte den anderen die innere Angst, die das Dröhnen auslöste, wenn es einmal im Jahr die Gemäuer erschütterte. Ihre offenen Augen starrten stumm in die Dunkelheit, die sie drückend umhüllte. In zwei Wochen war es so weit. Und die zwei Wochen würden die Monster hungern. Hungern, damit sie kämpferisch und grausam sein konnten. Keiner der Jungen teilte diese tief sitzende innere Angst mit den anderen Legenden und alle schworen sich innerlich, härter und tapferer zu kämpfen. Sie wollten nicht sterben.

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