Der Groschenroman – Kapitel 5: Der Schmetterling am Fenster

Edgar J.J. Hollins Vergangenheit wies deutliche Parallelen zu meiner eigenen auf. Der Landsitz, die behütete Kindheit. Irgendwie war es mir wichtig. Außerdem hatte ich die Worte meines Lehrers als Legitimation im Kopf; „wenn du genau hinsiehst, entdeckst du in jedem Schriftstück, egal welcher Art, autobiographische Züge. Du musst nur genau lesen und erfährst viel über den Autor.“ Ein weiser Mann. Anscheinend hatte ich mir in den letzten Tagen einen kleinen Husten eingefangen, doch nichts, was mich umbringen würde. Ich hustete das unangenehme Gefühl in meiner brust weg und atmete tief durch. Besorgt blickte ich zu meinem kleinen Sohn, der auf dem Boden herumkrabbelte und mit dem Ofen Holz spielte. Er wirkte normal, doch hoffentlich steckte ich ihn nicht an. Bei kleinen Kindern konnte auch eine kleine Erkältung schlimme Ausmaße annehmen. Ich wollte nicht, dass er krank wurde. Mein Blick wanderte zurück zu dem gestippten Blatt. Für heute hatte ich genug geschrieben. „Was meinst du Edgar, wollen wir etwas zusammen spielen?“ Edgar brabbelte als Antwort etwas Undeutliches und ich setzte mich lachend zu ihm. Zusammen bauten wir kleine Türmchen aus Holz, die er mit Vorliebe umwarf. Immer und immer wieder. Sein Kinderlachen war unbefangen und glücklich. Ich liebte jeden Zug seines Charakters. Er war so schön und wundervoll! Wieder baute ich den Turm auf und erneut warf Edgar ihn um. Er lachte beglückt auf und ich musste mitlachen. Vergnügt wuschelte ich ihm durch seinen blonden Haarschopf und nahm ihn hoch. Er gluckste und ich ließ ihn mit meinen Armen durch das Zimmer fliegen.

Es waren diese Momente, in denen ich all mein Unglück und die schlechten Entwicklungen in meinem Leben vergaß und es mir gut ging. Mein kleiner Sohn war der einzige Mensch, der mich wirklich glücklich machen konnte. Ohne ihn nähme man meinem Leben den letzten Sinn. Nein, an so etwas wollte ich nicht denken! Es half, sich die schönen Dinge in Erinnerung zu behalten, außerdem war ich ein positiv denkender Mensch, zumindest überwiegend.

So strichen die Tage ins Land und wurden zu Wochen. Die Wochen zu Monaten und als ich eines Morgens aus dem Fenster schaute, flatterte ein Schmetterling an der kleinen Scheibe vorbei. Die Häuser unter mir waren in den Rauch der Schornsteine gehüllt, doch von hier sah ich die Sonne und den blauen Himmel, der den Tag begrüßte. Edgar war gewachsen und es dauerte sicherlich nicht mehr lange, bis er das erste richtige Wort spräche. Schon lange wartete ich darauf. Ein kurzer Husten überkam mich, doch war schnell wieder weg. Jetzt im Frühjahr würde er gänzlich verschwinden. Da war ich mir sicher. Es war Frühling geworden, ohne, dass ich es recht bemerkt hatte. Meine Finger hatten an den vielen kalten Abenden die Gedanken meiner Fantasie mühevoll zu Papier gebracht und mein Werk fast vollendet. Aber jetzt wo der Winter vorbei zu sein schien, wollte ich wieder draußen aktiv und sein und in den Parks meine Zeit verbringen. Vor meinem inneren Auge stellte ich mir vor, wie wir in den Park schlenderten und Edgar den Schmetterlingen hinterherjagte. Er sollte ebenso glücklich aufwachsen wie ich. Die Mappe auf meinem Tisch war mittlerweile abgegriffen und prall gefüllt. Mein Groschenroman würde bald vollendet sein. Ich freute mich schon, ihn einem Verleger vorzustellen. Meine Naivität sagte mir, dass alle ihn lieben würden.

Ich hustete kurz und nahm Edgar von der Matratze hoch. Er schlief jede Nacht dicht bei mir, damit er nicht fror. Außerdem besaß ich kein weiteres Bett. „Bonjour mon petit“, begrüßte ich ihn wie jeden Morgen und trug ihn zum Schreibtisch hinüber. Der Arbeitsplatz war der einzige Tisch dieses Raumes und so wickelte ich Edgar jeden Morgen neben der Mappe meines Romans. Sorgsam hatte ich eine Decke untergelegt und legte meinen Sohn nun darauf. Routiniert wechselte ich die Windel aus und verpackte sie in einer alten Papiertüte, damit sie nicht so stank. Am Nachmittag würde ich sicher ein wenig Zeit finden, sie zu waschen. Edgar brabbelte schon wieder fröhlich vor sich hin und ich nahm ihn hoch. Ihn auf dem einen und ein Bündel Wäsche auf dem anderen Arm gingen wir gemeinsam die vielen Treppen bis zur Küche hinunter, in der die Köchin schon das Frühstück bereitete. Mir fiel auf, dass sie drei Teller vorbereitete. „Erwarten die Herrschaften Besuch?“, fragte ich und warf den Wäschehaufen in den Waschzuber neben dem Ofen. „Ach“, seufzte die stämmige Frau und wischte sich eine Haarsträhne beiseite. „Ihr habt ja noch gar nicht mitbekommen, was geschehen ist. Dem Bruder der Hausherrin ist letzte Nacht die Frau gestorben. Einer langen Krankheit soll sie erlegen sein. Er kommt heute Morgen, um für die Beisetzung alles zu besprechen und die Trauerzeremonie zu planen.“ Ein Schatten legte sich über meine eigentlich recht gute Laune. Der Winter hatte Opfer gefordert und die Menschen sich noch nicht erholt. Ich war froh, dass es uns so gut ging und man sich um unser Befinden sorgte. Edgar zappelte auf meinem Arm und ich ließ ihn auf den Boden hinunter. Schnell krabbelte er in Richtung des Ofens davon. Dort wo es warm war, war er am liebsten. Wie gewohnt nahm ich die Zierschürze vom Haken und band sie mir um. „Das ist schrecklich, hoffentlich sind Miriàn und Laron nicht allzu betrübt.“ Paula brummte zustimmend und ich nahm das fertig bestückte Geschirr an mich. „Ich richte das Essen oben an und hole anschließend den Tee“, erklärte ich und belud mein Tablett mit den reich gefüllten Tellern. Pfannkuchen mit kleinen Beeren und heißem Schokoladensirup dampften vor sich hin. Mein Magen knurrte, doch ich würde erst nach den Herrschaften essen können.

Schnell war ich im warmen Salon angekommen und stellte die Teller ordentlich auf das weiße Tischtuch. Es war tatsächlich für drei Personen eingedeckt. Ich ging zur Wand hinüber, klingelte an der Glocke und verschwand über den Personalweg wieder in Richtung Küche. Das große Haus war so aufgebaut, dass es jede Menge geheimer Wege gab, die die Angestellten nutzen konnten, um ihre Arbeit im Haus ungesehen zu verrichten. Wenn Edgar größer war, würde er diese Wege mit Sicherheit lieben. Ich stellte mir vor, wie er von hier nach dort huschte und allerlei Schabernack trieb. Bei uns damals hatten wir nur wenige solcher Bediensteten Wege gehabt und unser Vater erlaubte uns nie, sie zu betreten. Aber auch dort hatte eine Angestellte damals mit ihrem Sohn gelebt und er rannte gerne durch die staubigen und schmalen Gänge. Wenn ich morgens im Studierzimmer gesessen hatte, hörte ich es manchmal über mir tapern und da wusste ich, dass er wieder mit sich alleine verstecken spielte. Im Gegensatz zu Edgar hatte der Junge jedoch auch einen Vater besessen. Mit einem traurigen Gefühl nahm ich mir den Tee und trug auch ihn hoch. Diesmal waren die drei Herrschaften schon anwesend und hatten Platz genommen. Die Stimmung im Raum war gedämpft und angespannt. Der Bruder der Hausherrin sah unausgeschlafen aus und hatte das Frühstück kaum angerührt. Vorsichtig trat ich an ihn heran und fragte: „Darf ich Euch einen Tee anbieten?“ Er nickte und zeigte grob auf die Tasse. Ich schenkte ein und ging um den Tisch herum. Ohne nachzufragen schüttete ein, denn die beiden wollten immer Tee. Miriàn schenkte mir ein kleines Lächeln und sagte dann: „Sei so gut und richte dem Bäcker aus, dass wir ein Trauermahl für eine Gesellschaft von zwanzig Personen brauchen.“ Ich knickste. „Sehr wohl. Für welchen Tage wird es benötigt?“, erlaubte ich mir zu fragen. Der fremde Mann schaute auf und betrachtete mich lange. Schmerz lag in seinem Blick. „Morgen“, sagte er rau, doch sein Blick blieb auf mir liegen. „So begann es bei ihr auch. Zunächst merkten wir es nicht, aber am Ende ging es ganz schnell.“ Unsicher schaute ich zu Miriàn, doch die bedeutete mir, mich zurückzuziehen. Ich hatte ein beklemmendes Gefühl im Bauch, als ich die warme Küche betrat und das leere Tablett an seinen Platz zurückstellte. „Gab es Nachbestellungen?“, erkundigte die Köchin sich, doch ich schüttelte den Kopf. „Die Gesellschaft ist zu betrübt, um Appetit zu haben.“ Ich schluckte und fragte vorsichtig: „Sehe ich krank aus?“ Paula drehte sich um und betrachtete mich einen Moment. „Der Winter hat dich wohl mitgenommen. Ein bisschen blass bist du auch, aber ich meine mich zu erinnern, dass du dies schon immer warst. Wahrlich, du warst schon immer eine blasse Frau.“ Ich lächelte zaghaft. „Dann ist es gut. Ich laufe nur eben zum Bäcker und räume danach das Gedeck im Salon ab. Anschließend mache ich die Wäsche. Behältst du Edgar im Auge?“ Paula, eine Frau die nur dann redete, wenn es nötig war, nickte und warf mir schnell ein Tusch um, bevor ich in den Morgen hinaushuschte.

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