Der Groschenroman – Kapitel 4: Ein ungelüftetes Geheimnis

Der Kapitän hatte das schlechte Wetter bereits angedeutet, doch Edgar J.J. Hollins war noch nie zuvor zur See gefahren und verstand erst was der erfahrene Seemann ihm hatte mitteilen wollen, als er die riesige Gewitterfront am Horizont entdeckte. Der Wind war deutlich stärker geworden und ließ die Wellen um das Schiff herum tanzen. Weiße Schaumkronen waren hier und dort zu sehen, doch es wurden stetig mehr. Mit einer solgenvollen Falte auf der Stirn betrachtete Hollins die Gewitterwand, auf die sie geradewegs zusteuerten. Von Klabautermännern, über zwanzig Meter hohen Wellen hatte er gehört – wahre Ungetüme. Ein ungutes Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Was wenn die Wellen ihr Schiff verschlangen, wie der Löwe ein Stück Fleisch? Der junge Mann schluckte schwer und beschloss Rat beim Kapitän zu suchen.

„Mein Lieber Mister Hollins“, prustete der Kapitän los, „Dieser kleine Sturm wird unser Schiff doch nicht zum Kentern bringen. Seien Sie ganz unbesorgt!“ „Wenn Sie das sagen.“ Hollins hatte den Mann auf der Brücke angetroffen, während er verschiedenste Karten studierte. Dennoch hatte er sofort Zeit für seinen besorgten Passagier gefunden. Während der Kapitän ihn also zu beruhigen versuchte, guckte sich Hollins neugierig die Apparaturen an. „Meine Erfahrung sagt mir, dass es zwar ungemütlich werden wird, aber wir wohlbehütet den nächsten Hafen erreichen.“ Summend maß der Kapitän mit einem Geodreieck etwas ab und zeichnete eine dünne Linie auf die Karte. „Wenn ich fragen darf, was verschafft mir die Ehre Ihres Aufenthalts auf meinem Schiff?“ Edgar musste einen Moment überlegen. „Was denken Sie?“ Der Seemann legte seine sein Werkzeug beiseite und blickte auf die nahende Gewitterfront. „Sie sehen aus wie ein Vagabund, haben aber die Überfahrtskosten umstandsfrei bezahlt. Ihre Kleidung ist verbraucht, getragen, Ihre Sprache und Ausdrucksfähigkeit exzellent. Paradox, nicht wahr?“ Edgar schmunzelte. Der Kapitän war ein guter Beobachter. „Haben Sie eine Karte?“ Als Antwort erhielt er ein Lachen und der Mann zeigte auf das ausgerollte Stück. Edgar trat heran, fuhr suchend mit seinem Finger über das Papier und hielt an einer kleinen Stadt an. Le Havre. Dort war er aufgewachsen. Ein wenig außerhalb der Stadt auf einem schönen Landsitz. Am Grundstück lag ein Fluss, umrahmt mit wunderschönen Trauerweiden. Duftende Rosen und andere Blumen umrahmten das schöne Haus aus hellem Stein, welches ein geborgenes Umfeld bot. Seine Kindheit war glücklich und unbeschwert gewesen. „Ich bin der dritte Sohn einer Adelsfamilie, die jedoch rechtzeitig unter Napoleon ihren Weg zum Handel fand, bevor sie wie viele andere der Verarmung verfielen. Ich stamme aus gutem Hause, daher das Geld und die gebildete Erscheinung. Der erstgeborene wird das Geschäft übernehmen, der zweite gut heiraten. Auf den Dritten achtet jedoch niemand, nicht wahr?“ Der Kapitän antwortete nicht. Er war ein neugieriger Mann und wollte wissen, was einen Gutbürgerlichen in einem Lumpenkleid auf ein Überseeschiff wie seines trieb. „Ein Vagabund war ich schon immer. Stellte mir vor, wie der Bach hinter unserem Anwesen Geschichten aus weiter Ferne erzählte. Mich zog es schon immer in die Welt hinaus. Ins Abenteuer sozusagen.“ „Ein Jungspund der zu wenig vom Leben gesehen hat und es sich leisten kann“, kommentierte der Kapitän diese naive Ansicht. Er mochte es nicht, wenn junge Reiche sich mit Spaß die Zeit vertrieben, Abendteuer erlebten und letztlich wider in den Reichtum der Familie eingebettet wurden. Wenn er kaputtgearbeitet sein würde, wäre er ein alter Mann mit Gischt in den Knochen und vom rauen Wind angegriffenen Augen. Er spürte es schon. „Sie haben Recht. Den Anschein macht es.“ Etwas störte das Bild jedoch. „Wie passt ihre zerlumpte Kleidung in die Geschichte? Man sollte meinen, es sei ein leichtes, ihre Reise wohl gekleidet anzutreten. Tarnen Sie sich.“ Es war eine verrückte Idee und nur dahin gesagt, doch das Gesicht des jungen Mannes verschloss sich ein wenig. „Es gibt Geschichten, die sind zu lange für einen zu kurzen Mittag. Ich werde sie nicht weiter stören Kapitän, Sie haben sicherlich noch zu tun.“ Der Kapitän wusste, wann es nachzuhaken galt und wann man etwas auf sich beruhen lassen sollte. Er verbarg seine Neugier hinter dem weißen Bart und ließ ein Nicken zu. Ohne ein weiteres Wort wendete er sich wieder seiner Seestudie zu und hörte, die der junge Adelige aus der Kabine austrat. Der Mann hatte ihn neugierig gemacht. Er schien eine interessante Person zu sein, die mehr verbarg als er zugab.

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