Der Groschenroman – Kapitel 3: Ein kalter Herbst

Es war ein kalter Herbst mit stürmischen Böen und unnachgiebigem Regen, sodass viel geheißt werden musste. Zusätzlich zu meiner naiven Schreiberei arbeitete ich als Dienstmädchen im Hause der Lefebvres und erledigte allerlei einfache Hausarbeiten. Sie hatten mich eher aus Mitleid aufgenommen, denn meiner Kompetenzen wegen. Meine Finger fein und die Figur zart war ich das Gegenteil einer Frau, die hart anpacken konnte. „Das wird noch“, sagte Miriàn damals und warf einen langen Blick auf meinen dicken Bauch.

Jetzt drängte ich mich durch die verwinkelten Straßen in Richtung des Marktes, um die Wocheneinkäufe zu erledigen. Außerdem benötigte ich neues Papier, um ein weiteres Kapitel fertigen zu können. Miriàn würde wieder schimpfen, wenn sie den Bogen Papier sähe, denn sie war der Ansicht, ich sollte lieber Edgar neue Kleidung kaufen, als Schreibutensilien. Seufzend drängte ich mich weiter durch das Stimmengewirr des dreckigen Marktes, um zu den Lebensmittelständen vorzudringen. Alles war unangenehm feucht und das ekelige Wetter schien sich auf das Gemüt der Menschen übertragen zu haben, denn ständig hörte man erboste Stimmen, oder wurde grob zur Seite gestoßen. Wie sehr ich doch die Stille des Lands vermisste, mit dem Rauschen der Blätter in den mächtigen Bäumen, oder das Säuseln des Flusses, der durch unseren Garten plätscherte. Als Kind hatte ich mir immer vorgestellt, wie viel das Wasser bereits gesehen haben musste und welche Geschichten es wohl zu erzählen hatte. Die kühnsten Erlebnisse entsprangen meiner Fantasy. „Attention junge Lady“, riss mich jemand aus meiner lieblichen Erinnerung, doch schon im selben Moment stieß ich mit dem jungen Herren zusammen. „Pardon“, entschuldigte ich mich erschreckt und sortierte schnell meine Sachen. Der Mann trug eine Militäruniform in Blau und stand aufrecht und selbstbewusst dar. Er schien gestresst, doch als er mich anschaute, löste sich die Falte über der Nase und er lächelte. „Naja, meine Dame, kein Grund so erschreck zu sein. Wo waren Sie denn mit ihrem Gedanken?“ Ich lächelte zaghaft. „Sehr weit weg. Ich bin eine Träumerin müssen Sie wissen.“ „Eine sehr hübsche Träumerin“, ergänzte der Mann schelmisch und ergriff meine Hand. „Darf ich Euch mein Geleit antragen?“ Erschreckt trat ich einen Schritt zurück. Solche Worte führten zu nichts Gutem, das hatte meine Vergangenheit mich gelehrt. „Ich entschuldige mich noch vielmals für die Störung der Herr, doch ich fürchte, der Weg führte uns in entgegengesetzte Richtungen.“ Schnell machte ich mich los und trat einen Schritt zurück. „Eine kluge Frau seid Ihr. Mir ist die Doppeldeutigkeit Eurer Worte nicht entgangen.“ „Dann wünsche ich noch einen Angenehmen Tag“, erwiderte ich schnell, fast schon zu hastig und eilte weiter. Für Männer und romantische Abenteuer hatte ich weder Zeit noch Geld. Und ich hatte Edgar. Wer wollte schon eine Frau, die einen unehelichen Sohn großzog?

Endlich erreichte ich die großen Stände des Marktes, die im Spätherbst jedoch nur noch wenige Sommerfrüchte zu bieten hatten. Anstatt saftigen Erdbeeren, Kirschen und Melonen aus dem Süden lagen nun Birnen und Äpfel in den Auslagen. Heute sollte es jedoch etwas Besonderes geben und mir war aufgetragen, einen Kürbis und Fisch zu besorgen. Den Fischmarkt mochte ich nicht so gerne. Es stank dort und es war gruselig, wenn die toten Fische mich aus ihren starren Augen anblickten. Blutig ging es dort zu und diesen Anblick war ich wahrhaftig als Tochter eines Fabrikanten nicht gewohnt. Meine Augen hatten Kultur und Reichtum gesehen, keine harte Arbeit. Nur langsam gewöhnte ich mich daran.

Es dauerte etwas, bis ich die gewünschten Zutaten zusammen hatte und endlich meinen Lieblingsladen aufsuchen konnte. Mein Geld reichte nur für wenige Seiten, denn der Monat war fast zu Ende und mir blieb kaum mehr als eine Hand voll Münzen. Der Papier – und Buchladen lag in einer ruhigen Seitengasse und war vollkommen verwinkelt. Bis oben hin mit Büchern vollgestopft, bot er mir genau das geborgene Gefühl, nach welchem ich mich schon lange sehnte. Die Luft in dem Laden war trocken und wenn ein wenig Sonne durch die leicht verdreckten Scheiben fiel, sah man den Staub im Licht tanzen. Der Besitzer schien ebenso alt wie der Laden selber und kannte jeden Winkel. Hätte ich Geld gehabt, hätte ich viele dieser besonderen Literaturstücke mein Eigen genannt, doch so musste ich mich mit leeren Seiten begnügen und diese eben selber füllen. „Bonjour Madame“, grüßte der Buchhändler mich in seinem gebrochenem Französisch und lächelte mir zu. Er war eigentlich Deutscher und es fiel ihm schwer, die französischen Wörter rund und flüssig auszusprechen. Dennoch kümmerte er sich um seine Kunden, die ihm auch wohl deshalb gerne treu blieben. Mein Papier kaufte ich nirgend anders. „Wie läuft es mit Ihrem Roman?“, erkundigte er sich und zog einen dicken Bund Papier unter dem Tresen hervor. Er wusste genau, was ich zu kaufen pflegte. „Ganz gut denke ich. Der Anfang ist mir endlich geglückt und jetzt, wo ich erste Worte gefunden habe, geht es sogar recht gut.“ Monsieur Müller diente mir als Vorbild für den Kapitän aus meiner Geschichte und obwohl ich dem Buchhändler kaum die See zutraute, passte der Charakter wunderbar zu meinem Seemann. „Sie haben sogar eine kleine Rolle als Kapitän darin erhalten“, erklärte ich verschmitzt und legte meine verbliebenen Münzen auf den Tresen. „Dann werden Sie sicherlich Erfolg haben“, meinte er zwinkernd, zählte sie Münzen und nahm schließlich einen Duzend Papiere von dem Stapel ab. „Warten Sie, ich packe sie Ihnen noch gut ein, um sie gegen das Wetter da draußen zu schützen.“ Ich nickte dankbar und beobachtete den Mann dabei, wie er die Blätter in braunes Papier einschlug. „So bitte“, sagte er und ich bedankte mich. „Was wird es eigentlich für ein Roman?“, erkundigte Monsieur Müller sich, während er die Centimes zählte. „Es sind zwei Franc“, erklärte ich schnell, doch er zählte geduldig die vielen kleinen Münzen weiter. Bestimmt wollte er mehr über die Geschichte erfahren. „Es wird ein Roman, der für den Leser nicht anspruchsvoll zu lesen sein wird. Ich wünsche mir, dass die Menschen sich einfach Unterhalten wissen und ein wenig Träumen können. So viele vergessen wie es geht.“ Der Buchhändler schob die Münzen in seine Hand und sortierte sie gemächlich in die Kasse ein. „Sie haben recht junge Dame. In Deutschland haben vor wenigen Jahren Romantiker Ihrer Natur diese Art der Literatur wiederbelebt. Dort nennt man sie Heftromane und Menschen unterhalten sich auf Reisen mit diesen Geschichten.“ „Vielleicht soll mein Roman auch in diese Richtung gehen. Billig soll er werden, damit möglichst viele Menschen sich an ihm erfreuen können.“ Der Buchhalter schmunzelte und meinte: „Wissen sie was; ich habe einen solchen Roman von meiner letzten Reise mitgebracht. Leider ist er auf Deutsch, fällt mir soeben ein, sonst hätte ich ihn Ihnen geliehen.“ „Ich wurde in Deutsch unterrichtet, sicher werde ich ein wenig verstehen“, erklärte ich zaghaft. „Sie überraschen mich immer wieder. Wartet, ich hole ihn.“ Wenig später kam er wieder und ich packte das Buch wie einen Schatz zwischen meine Einkäufe. Es war ein dünnes Heft aus schlechtem Papier, doch die Buchstaben, Sätze und Fantasien waren das, was zählte.

Das Wetter war schlechter geworden und es begann bereits zu dämmern. Schnellen Schrittes durchquerte ich die Stadt und beeilte mich wie ganz Paris, das warme Heim zu erreichen. Pferdekutschen und sogar ein Automobil ratterten an mir vorbei und bespritzten mich mit schmutzigem Wasser, welches sich neben der Straße in den Rinnsteinen gesammelt hatte. Mit dem letzten Tageslicht erreichte ich das Wohnhaus und betrat sofort die Küche, damit die Köchin mit der Zubereitung des Essens beginnen konnte. Ich hatte Edgar bei ihr in der warmen Küche gelassen und als ich eintrat, krabbelte er fröhlich auf dem Boden herum. „Gott sei Dank!“, sagte die Köchin als sie mich erblickte und zeigte dann auf Edgar. „Den ganzen Tag stolpere ich fast über dein Balg und hätte beinahe den Nachmittagstee auf ihm verschüttet.“ Ich seufzte, packte die Einkäufe aus und nahm Edgar auf den Arm. Der Kleine jauchzte fröhlich und begann zu brabbeln. „Scheinst wohl einen spannenden Nachmittag gehabt zu haben.“ Ich wuschelte ihm durch Haar. Hier unten war es warm und es tat gut, meinen Sohn nicht im kalten Dachzimmer zu lassen. Außerdem war die Köchin trotz ihrer harten Ausstrahlung sehr nett zu dem Kleinen. An seinem Mund entdeckte ich ein paar Kekskrümel. „Danke, dass er bleiben durfte. Ich habe dir auch wie versprochen einen neuen Löffel mitgebracht. „Ja der alte taugt nur noch als Knabberei für die Hunde. Danke Liebes.“ „Ich bringe grade unseren kleinen Abendteurer und meine Sachen hoch, dann helfe ich dir mit dem Kürbis.“ Schnell schnappte ich mir das Papier und die Bücher und machte mich auf den Weg nach oben. Edgar war bereits müde und so packte ich ihn sehr warm ein, entfachte ein Feuer im Ofen und legte das Papier neben die Schreibmaschine. Auch ich war müde, doch konnte es mir nicht erlauben, Schwäche zu zeigen. Außer mir hatte Edgar niemanden der für ihn sorgte und ohne ein Dach über dem Kopf bliebe uns nur das Armenhaus. Bei dem Gedanken daran erschauderte ich. Die ersten Nächte hatte ich dort verbracht und Dinge wie Prostitution und Krankheit lagen dort Bett an Bett. Ich hatte vor Glück geweint als mir klar wurde, dass ich meinen Sohn dort nicht zur Welt bringen musste. Als das Feuer brannte, das Zimmer warm war und Edgar schlief, ging ich wieder hinunter, um meine Aufgaben zu erfüllen.

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