Der Groschenroman – Kapitel 2: Die Geschichte nimmt Gestalt an.

„Schaute man sich Edgar an, vermutete sicher keiner, dass er adeligen Geschlechts war…“ Ich hielt inne. War das der richtige Anfang? Fragend ruhten meine Augen auf dem echten Edgar, der keine neuen Welten entdeckte, sondern friedlich schlummernd in seiner Wiege lag und schlief. Beseelt schaute ich ihn an. Er war so ein schöner Junge und kam ganz nach seinem Vater. Helle Haare und dunkle Augen. Von mir hatte er nur die spitze Nase geerbt. Der Gedanke an seinen Vater versetzte mir einen Stich. Jean war einer der wenigen hellen Augenblicke in meinem Leben gewesen. Wo er jetzt war, wusste ich nicht. Er war in einer dunklen Nacht einfach aus meinem Leben verschwunden. Zurückgelassen hatte er mich, mit einem gebrochenem Herz und schwanger. Fast schon musste ich wieder weinen und fühlte mich schwach. Meine Geschichte war schnell zu erzählen. Mit Jean begann sie und endete auch. Der Junge war der Anfang vom Ende gewesen. Ein romantisches Abenteuer – mit unromantischem Ausgang. Es stimmte mich traurig, daran zu denken. Besonders der Gedanke an meine Familie war eines bitteren Geschmacks. Sie verstießen mich, kaum war das Kind unter der Kleidung zu erahnen gewesen und setzten mich auf die Straße. Ein uneheliches Kind? Ein Schandfleck wäre das gewesen und mich hätten sie außerdem nie verheiratet bekommen. Ich entsinne mich noch gut an den schmerzvollen und beschämten Blick meines Vaters, der durch die Schreibe auf mich herab blickte. Zerbrochen drehte ich mich um und ging. Nicht einmal blickte ich zurück und hörte erst auf zu gehen, als ich nicht mehr konnte. Ein netter Kutscher nahm mich mit und ohne ein Ziel im Kopf saß ich ohne die Zeit zu zählen auf der Kutsche und blickte lange lange zurück auf eine Landschaft, die in einer Art Dunkelheit verschwand. Es verschwand mein ganzes bisheriges Leben. Ohne Hoffnung für mich trieb ich durch Raum und  Zeit, bis die Kutsche anhielt und ich wieder nach vorne blickte – auf eine große Stadt. So geschah es, dass ich mit nichts als meinen Kleidern am Leib in Paris landete. Meine Bildung und den Gesellschaftlichen Hochmut vergaß ich schnell und nahm bei Miriàn und ihrem Mann eine Stelle als Dienstmädchen an. Das war vor zwei Jahren. In einer lauen Sommernacht brachte ich dann meinen Sohn auf die Welt. Einsam und verzweifelt. Von nun an galt es, uns beide zu ernähren und Nächte lang lag ich angstgeplagt in meinem Bett, Edgar ruhig atmend neben mir. Zum Glück meinte es das Schicksal gut mit mir und meine Arbeitgeber wurden so etwas wie Edgars Großeltern. Sie hatten sich in den kleinen niedlichen Kerl verliebt und nahmen ihn manchmal hinunter in ihre geheißte Stube, damit er nicht allzu kalt wurde.

Ich entsinne mich, an welcher Stelle ich meine Erzählung abgebrochen hatte und dachte nach. Mein Hauslehrer, ein guter Herr, brachte mir den eleganten Gebrauch von Worten bei und ich lernte, sie geschickt zu verwenden. Mit Fantasy gesegnet, erschuf ich jede freie Minute ferne Länder voller Abenteuer. Ich liebte das Schreiben. Beherzt tippte ich erneut los und erschuf Edgar J.J. Hollins abenteuerliche, geradezu naive Welt. Mein kleiner Edgar liebte das rhythmische Rattern, welches den ganzen Raum erfüllte. Erst wenn ich aufhörte zu schreiben, wachte er in der Regel auf und verlangte nach meiner Aufmerksamkeit. „…Eher hielten die Leute den jungen Mann mit dem kecken Blick für einen Vagabunden, der auf einem Schiff als Matrose angeheuert hatte.“ Ich schmunzelte. Der Edgar meiner Geschichte hatte Ähnlichkeit mit Jean. „Jede Frau verliebte sich sofort in die selbstbewusste Erscheinung des jungen Mannes. Goldene Locken umrahmten sein hübsches Gesicht und mit seinen dunklen, braunen Augen schien er ein jedem in die Seele blicken zu können“, schrieb ich daher. Ich seufzte unglücklich, war ich etwa immer noch so verliebt – nach all der Zeit?  Ich entsinnte mich unserer ersten Begegnung: „“Werte Dame, darf ich euch mein Geleit antragen?“ Mit seiner geschliffenen Sprache hätte er das Herz einer jeden Dame gewinnen können, doch so einer war Edgar J.J. Hollins nicht. Er bezeichnete sich selber als Ehrenmann, Gentleman.“ Ja doch, das Bild meines Protagonisten gefiel mir, wenngleich es ein wenig kitschig war. Schmunzelnd nahm ich die Ähnlichkeit zu meinem Geliebten zur Kenntnis und schob den Arm der Schreibmaschine zurück, denn die Zeile war voll. Es machte ein kleines „Pling“, als die Halterung einrastete und ich weiterschreiben konnte.

„Die großen Leinensegel waren vom Wind aufgebläht und der Hölzerne Rumpf durchschnitt zügig das Wasser. Kleine Schaumkrönchen tanzten rings um das Schiff herum in den kleinen Wellen. Das schwere Schiff lag jedoch ruhig im Wasser. Edgar J.J. Hollins stand ganz vorne an der Reling und ließ sich die hellen Haare vom Wind verwehen. Ein Mann trat neben ihn. Es war der Kapitän, ein großer Mann mit langem Bart und dunkler Stimme. „Mister Hollins, wir erwarten eine stürmische Nacht, mit hohem Seegang.“ Edgar strich sich die Haare aus dem Gesicht und entgegnete lächelnd: „Kapitän ich bin seefest.“ Der Kapitän war im Gegensatz zu Hollins ein Deutscher und wenn er Englisch sprach, klang es gebrochen und rau. Er konnte das th nicht aussprechen. Dennoch wirkte er wie ein herzlicher Mann, der sich um seine Passagiere sorgte.“ Ich beendete meine Arbeit für heute. Recht zufrieden zog ich das volle Blatt aus der Halterung und legte es sorgfältig in eine grüne Mappe aus rauem Karton. Dort lag bereits der Mittelteil meiner Geschichte, sorgsam sortiert. Wie immer umwickelte ich die Mappe mit der grauen Kordel und machte sie mit einer kleinen Schleife zu.

Erst jetzt bemerkte ich, wie kalt es wider geworden war und legte einige Holzscheite nach damit der kleine Ofen weiterhin Wärme spendete. Das Dach war dünn und ohne eine ständige Wärmequelle wurde es schnell kalt. Edgar war von der Schreibmaschine in den Schlaf gewiegt worden und wachte auf, als das Feuer fröhlich zu knistern begann. Liebevoll nahm ich ihn auf den Arm und gab ihm zu Trinken. Mein Sohn war ein ruhiges Baby, dessen Augen immerzu neugierig die Umgebung beobachteten und hätte er sprechen können, wären unsere Unterhaltungen sicherlich angeregt gewesen. Doch mit einem Jahr war er noch zu jung, um zu Sprechen. Sicher formte er bereits Laute und brummte vor sich hin, aber ein vollständiges Wort war seinen Lippen noch nicht entglitten.

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