Der Groschenroman – Kapitel 1: Eine einsame junge Frau

Es war ein nebeliger und verregneter Herbsttag, an dem ich beschloss, Geschichte zu schreiben. Es war bereits einige Monate her und die Geschichte nahm Form an, aber es war gar nicht so einfach sie zu beginnen. Einen Teil des Buches hatte ich schon auf Papier gebracht, doch für den Anfang schienen sich einfach nicht die richtigen Worte zu finden. Mir war heute Morgen jedoch einige gute Ideen in den Sinn gekommen und nagten seitdem an mir, um herausgelassen zu werden. Schwungvoll und konzentriert hämmerte ich die Buchstaben mit der Schreibmaschine auf das Blatt Papier. Das alte Stück ratterte bei jedem Buchstaben und ich hatte beinahe das Gefühl, so meinen Worten mehr Ausdruck verleihen zu können. Der Tee neben der kleinen Maschine war längst erkaltet und keine feinen Rauchfäden stiegen mehr hinauf zur schrägen Decke der gedrungenen Dachwohnung. Einsatzbereit war eine Kerze aufgestellt, jedoch noch nicht angezündet, da durch das schiefe Dachfenster am Giebel noch genügend Sonnenlicht in das kleine Zimmer drang. Gebeugt saß ich an dem schiefen Tisch, der bei jedem Buchstaben sanft mitwippte. „Geschichte wird von Siegern geschrieben, nicht von Verlierern.“ Ich hielt inne, überlegte es wieder wegzumachen, ließ es aber schließlich stehen. Es stimmte ja. Erschöpft fuhr ich mir durch die Haare und fingerte nach einem Taschentuch in der ausgebeulten Tasche der kuscheligen Jacke. In der Wohnung war es eiskalt. Ich hatte alles verloren, war keine Siegerin. „Darum beschloss ich, eine  zu werden.“, hämmerte ich mit klammen Fingern in die schwergängigen Tasten. Die Geschichte sollte keinesfalls von mir handeln, denn meine Biographie zu war traurig. Zuerst war es die Familie, dann das Selbstbewusstsein und schließlich mein schönes Zimmer mit dem Erker zum Garten, die ich verloren hatte. Mein raffsüchtiger Bruder hatte es sich damals unter den Nagel gerissen. Ich blinzelte meine Tränen weg, für Sentimentalitäten war das Leben zu kurz. Ich straffe die Schultern, reckte das Kinn und konzentrierte mich auf meine Gedanken. Es fiel mir mit der Zeit leichter, sie niederzuschreiben, aber das Ordnen war schwierig gewesen. Zu viele Gedanken hatten sich in meinem Gedächtnis gesammelt und wollten hinaus in die Welt.

Es klopfte. Erschreckt fuhr ich hoch und warf einen schnellen Blick auf die Taschenuhr, die an einer goldenen Kette vor meinem Hals baumelte. Ein Geschenk meines Vaters – es war lange her. Damals war ich noch sein Lieblingskind gewesen. Ich hatte die Zeit aus den Augen verloren. Schnell erhob ich mich, raffte meine Röcke und durchquerte den kleinen Raum. Ein abgelaufener Teppich dämpfte meine Schritte, verhinderte aber nicht das leises Knarren des Holzbodens. Als ich die schabende Türe geöffnet hatte, blickte mir die Hausherrin entgegen. Sie sah wie immer schwer geschäftig aus und ihre Wangen waren gerötet. Im Gegensatz zu ihr war ich schmal und zierlich. Sie seufzte. „Meine Liebe, du wolltest den Kleinen doch schon vor einer halbem Stunde abholen.“ Schuldbewusst schaute ich Edgar an, der glücklicherweise schlief. „Jetzt schaut doch nicht so schuldig.“ Sie warf einen Blick durch die Stube. „Mensch, hier ist es ja ganz kalt. Pack Edgar gut ein, sonst erkrankt er noch.“ Ich nickte hilflos und nahm den Säugling entgegen. Ich war zart gebaut, aber meinen Sohn würde ich immer in meinen Armen halten können.

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