Das Jahr der Legenden – Kapitel 2: Sohn der Kälte

Midas


„Die Kälte ist eine uralte Magie. Eine schwarze Magie.  Durch ein Ritual kann sie hervorgerufen und bewusst genutzt werden. Sie entzieht Menschen in ihrer Umgebung die Lebensenergie und der Kältemagier nimmt sie in sich auf. Der Gebrauch von Kältemagie ist verboten und steht unter hoher Strafe.

Zeichen der Benutzung sind weiße Haare und weiße Augen.“

Aus: Gesetzbuch von Aranin, Unterpunkt: Magie


Das Schlagen von Schwertern erfüllte die Luft und ab und an hörte man schmerzhaftes Aufstöhnen. Midas war das egal. Wie Legenden sahen die beiden Kämpfer vor ihm nicht unbedingt aus. Er spuckte aus. Die Leute nannten sie Legenden, ja, aber sie waren keine. Sie waren bemitleidenswerte Jungen, die für einen Kampf trainierten, den sie nicht gewinnen konnten. Er saß im Schatten eines Baumes und beobachtete uninteressiert das Treiben. Staub glitzerte in der heißen Sonne und wirbelte durch die Gegend. Keiner wollte mit ihm kämpfen, da sie ihn wegen seiner weißen Haare und den weißen Augen verspotteten. Er hatte nicht um sie gebeten und wusste auch nicht, weshalb er sie hatte. Jemand sagte einst, dass die Kälte ihn brandmarkte, doch er wusste nicht, was das bedeutete. Vor ungezählt vielen Jahren beobachtete Midas in einer besonders kalten Nacht seine Mit-Legenden, aber deren Haare hatten sich nicht weiß gefärbt. Innerlich schmunzelte er. Da zählte er auch noch fünf oder vier Jahre.

Midas Blick schweifte über das etwa hundert Mal hundert Meter große Gelände, welches von einer bestimmt vierzig Meter hohen Mauer eingerahmt wurde. Sie war steinig, aber zu glatt, um an ihr hochklettern zu können. Die Erde hier unten war sandig und nur unter den verstreut stehenden Bäumen wuchs ein spärliches Gras. Es waren begehrte Plätze, denn sonst spendete einzig die Mauer Schatten. Die Hitze war heute besonders drückend. Midas Augen huschten zum Nachbarbaum hinüber. Der einzige andere Junge, mit dem niemand etwas machen wollte, war Aris oder wie er hieß. Midas Blick fiel auf ihn und belächelte, dass dieser leise vor sich hin murmelte. Er war verrückt. Dennoch, obwohl er kein besonders guter Kämpfer war, schien er sich nie zu verletzten und Blessuren durch die Kämpfe zu erhalten. Er hatte anscheinend Glück. Das war das einzige, um das ihn alle Legenden hier beneideten. Es war hier unten selten. Midas hatte schon viel einstecken müssen, obwohl er zu den besseren Kämpfern gehörte. Sein Blick schweifte nach oben ab. Hoch über ihm lief eine Gruppe junger Magier über eine Brücke. Sie führte über das Loch, so nannten alle Legenden den Ort an dem sie ausgebildet worden. Nicht, dass sein Leben hier unten schlecht war, im Gegenteil, ihnen fehlte es hier an nichts, aber sie kamen hier nie raus und waren gefangen. Schließlich waren sie Mündel des Spielrates und wurden zu Kämpfern ausgebildet, um sich im Spiel zu beweisen. Ein Schauer fuhr ihm den Nacken hinunter. Er hatte Angst vor dem Spiel. Angst, darin zu sterben. Midas schluckte schwer. „Ein Wasser Sir?“, fragte jemand und Midas schreckte auf. Ein Diener stand vor ihm. „Ja gerne“, sagte der 16 Jährige zerstreut und nahm das Getränk an sich. „Etwas erregte Ihren Blick?“ Der Mann deutete nach oben, zur Brücke. „Ja, ich sah Magier“, erklärte Midas leise und versuchte, nicht mehr hinauf zu schauen. „Sie trainieren für ihre Prüfungen Sir“, erklärte der Diener höflich und verschwand wieder. Wieder wanderte sein Blick hinauf und während er das Glas leerte, dachte er daran, wie es wohl wäre, auch dort oben zu sein. Was sähe man? Wie sah die Stadt aus? Das einzige, was er von außerhalb kannte, waren die Erzählungen der anderen. Manchmal auch die Geräusche der Stadt und einmal im Jahr das Schreien der Monster und Kämpfer. Jedes Jahr gingen die Ältesten weg und neue, junge Kinder kamen hinzu. Midas Augen folgten dem Diener, der seine Runde beendet hatte und durch eine solide Holztür in der Mauer verschwand. Seine Gedanken streiften wieder zu den Magiern ab. Einer der Diener hatte ihm einmal erklärt, dass reiche Eltern viel Geld bezahlen mussten, damit ihren Kindern das magische Talent entlockt und gefördert wurde. Die Kinder dagegen, die reiche Eltern hatten und Krieger werden sollten, trainierten mit den Legenden. Jedoch gingen sie jeden Abend zu ihren Familien zurück nach draußen, während er hier bleiben musste. Neidisch fiel sein Blick auf Owen der, mit den teuersten Klamotten von allen bekleidet, gerade versuchte, einen Kampf zu gewinnen. Er war eingebildet und arrogant. Ständig musste er allen vorhalten, dass er nach dem Spiel ein großer General werden würde. Midas seufzte, denn wahrscheinlich hatte er auch noch Recht. Seine Eltern waren reich und er war nur hier, weil er mal ein großer Mann werden sollte. Natürlich gab es reiche Jungen, die Krieger wurden, aber nicht am Spiel teilnahmen, weil ihre Eltern es nicht wollten. So auch Owens größerer Bruder, der vor zwei Jahren seine Ausbildung abgeschlossen hatte und nun beim Militär war. Owen prahlte immer damit, dass er als einziger seiner Geschwister am Spiel teilnehmen würde, weil es Tradition in der Familie war, aber Midas war sich nicht sicher, ob das eine Ehre war. Vielleicht starb Owen beim Spiel, denn das Spiel war hart und seine Arroganz würde ihm dann nicht weiterhelfen. Midas Blick konnte sich nicht von dem Jungen lösen, der um seinen Gegner tänzelte wie eine Ballerina. Er musste grinsen. Owen war klein und fast schon übergewichtig. Wahrscheinlich verhinderte einzig das harte Training, dass er dick wurde. Midas war das genaue Gegenteil. Sein Blick war listig und lauernd, sein Körper schmächtig, aber trainiert. Mal wieder ärgerte er sich, wie ungerecht alles war. Alle aus Owens Familie würden etwas Anerkanntes, Geachtetes werden. Seine beiden Schwestern wurden Magierinnen und der jüngerer Bruder ebenfalls. Jeden Tag musste er sich das anhören. Ätzend. „Midas!“, riss ihn eine barsche Stimme aus seinen feindseligen Gedanken. Er sprang auf, als er erkannte, um wessen Stimme es sich handelte. „Ja Sir?“ „Du träumst wieder?!“ Verlegen betrachtete Midas das staubige Gras zu seinen Füßen und schwieg. Er hörte das missbilligende Schnauben seines strengen Lehrers und dann die befehlende Stimme: „Du wirst jetzt gleich gegen Duke antreten, um zu sehen, ob du dich verbessert hast und nicht nur schön geträumt!“ Erschreckt riss Midas die Augen auf, als er an seine Mit-Legende dachte. Nicht Duke!

Mit einem mulmigen Gefühl ging er zu den Waffen und wählte seine Lieblingswaffe, den Säbel. Zwar war dieser nur aus Holz, doch er hatte sich schon mit echten Säbeln beweisen können und wusste, dass es seine stärkste Waffe war. Er war auch kein schlechter Kämpfer, aber Duke war einfach besser und das wussten sie beide. Als Midas sich umdrehte, sah er, wie sein Lehrer sich mit verschränkten Armen neben den Kreis aus Sand gestellt hatte und ihn mit kühlem Blick betrachtete. Midas erschauderte. Solange er Brom kannte, war er niemals liebevoll und nett gewesen. Er konnte hart sein, wenn er Verhalten missbilligte.

Einige schaulustige Legenden hatten sich bereits um das vier Mal vier Meter große Areal versammelt und jubelten Duke zu, der bereits mit grimmiger Miene wartete. Midas schluckte und stellte sich gegenüber von ihm auf. Duke war der größte, die kräftigste Legende in seinem Alter und niemand zweifelte daran, dass er das Spiel überleben würde. Er war einfach furchteinflößend. Das lag nicht nur an der Art wie er kämpfte, sondern auch an der länglichen Narbe, die sich von der linken Stirn bis zum Kinn des Jungen zog. Die Verletzung, sie zeichnete schon immer, schränkte seine Sicht ein, denn eines seiner Augenlieder hing immerzu ein wenig herunter. Wahrscheinlich hatte er sich deshalb beharrlich beweisen wollen und härter als die anderen trainiert. Wollte Midas gewinnen, musste er diese eine Schwäche seines Gegners ausnutzten.

Er schaute zu seinem Lehrer, der zum Zeichen des Starts nickte, und dann einen Schritt zurück trat. Warme Luft blies Midas ins Gesicht und er schüttelte seinen Kopf, damit die weißen Haare ihm nicht die Sicht versperrten. Er musste sich dringend einen Pferdeschwanz machen, oder sie abschneiden. Den Moment seiner Abgelenktheit nutzte Duke aus und sprang mit vorgestrecktem Schwert auf ihn zu. Im letzten Moment wich Midas aus und warf sich in den Sand. Sofort sprang er wieder auf die Füße und parierte einen harten Schlag von Dukes Schwert. Sein Arm schmerzte durch die Wucht und Midas brachte sich einige Schritte weit in Sicherheit. Fast hätte Duke ihm beim ersten Angriff den Säbel aus der Hand geschlagen. Die Jungen um ihn herum buhten ihn lautstark aus, aber das stachelte Midas nur umso mehr an. Er rannte auf Duke zu, duckte sich kurz vor ihm und schlitterte auf seinen Knien unter Dukes linkem Arm durch. Jetzt konnte sein Widersacher ihn für eine Sekunde nicht sehen. Als dieser den Kopf drehte, hatte Midas sein Schwert schon erhoben und ließ es auf den Arm des Linkshänders hinuntersausen. Er traf und Duke sprang mit einem Knurren zur Seite. Sofort setzte Midas nach, doch dieses Mal parierte Duke seinen Schlag wieder mühelos und sprang in die Luft. Duke wollte ihn treten! Midas eilte nach hinten, aber Dukes Füße erwischten ihn im Bauch und Midas taumelte stöhnend einige Schritte zurück. Die Legenden jubelten. Sofort setzte Duke nach und stieß Midas zu Boden. Unsanft landete er im Sand und Duke stellte sich triumphierend über ihn. Wie Duke schwitzte Midas stark und atmete schwer. „Verloren Weißhaar“, sagte Duke hämisch und hob zum Zeichen des Sieges seinen Arm in die Luft. „Na warte“, knurrte Midas wütend und drehte sich seitlich weg. Sand klebte an ihm, als er aufsprang und den Säbel noch im Sprung in Dukes Bauch stieß. Auch wenn der Säbel stumpf war, schnappte sein Gegner mit einem Schrei nach Luft und fasste sich an die schmerzende Stelle. „Du…“, japste er zornig und wandte sich gekrümmt an Midas, der durch den Rückstoß wieder im Sand lag und sich gerade erst aufrappelte. Midas war glücklicherweise schnell genug, um Dukes wütenden Hieben zu entkommen und wich immer weiter zurück. Plötzlich spürte er die Jungs hinter sich, die ihn wieder zurück in die Mitte stießen und sprang zur Seite, um nicht in Duke zu landen. Duke hielt kurz und drehte sich zu ihm. Er schien sich erholt zu haben, denn jetzt stand er wieder aufrecht und seine Augen funkelten wütend. Midas zeigte sein Unbehagen nicht und kniff die Augen zusammen. Er wusste, dass das mit seinen weißen Augen bedrohlich wirkte. Tatsächlich hielt Duke einen knappen Moment inne, bevor er spöttisch grinste und erneut zum Angriff ansetzte. Von der kurzen Pause etwas erholt wich Midas ihm geschickt aus und versteckte sich immer wieder auf der schwachen Seite seines Gegenspielers, was diesen nur noch wütender machte. Seine Angriffe wurden immer schneller und langsam ging Midas die Kraft aus. Der Schweiz lief ihm in Strömen das Gesicht hinunter und seine weißen Haare klebten ihm unangenehm im Nacken. Duke dagegen wirkte, als käme er aus einer entspannten Massage und wäre topfit. Ihm schien die Hitze nichts auszumachen. Konzentriert parierte Midas zwar seine Schläge, doch mit jedem Stoß zog der Schmerz höher in seinen ermüdenden Arm hinein. Er biss die Zähne zusammen und setzte überraschend zu einem neuen Angriff an. Schnell täuschte er links an und sprang von rechts in Dukes Hüfte. Duke hatte das nicht erwartet und trat einige Schritte rückwärts, so dass Midas ihm die Waffe aus der Hand schlagen konnte. Der junge Kämpfer wirkte genauso überrascht wie Midas selbst und einen Moment sahen sie der wegfliegenden Waffen zu. Das Holzschwert landete außerhalb des Areals auf der Erde. „Nicht übel du Ungeziefer“, sagte Duke und hob schützend die Hände vors Gesicht. Midas huschte ein kurzes Lächeln ins Gesicht und wollte wieder angreifen, als ein durchdringendes „Stopp!“ ertönte. Midas und Duke drehten sich zu ihrem Trainer um und dieser meinte kühl: „Wir wollen doch, dass es fair bleibt. Midas, deine Waffe.“ Verärgert legte Midas sie in die ausgestreckte Hand Broms, der anschließend wieder einen Schritt zurück trat. Von wegen fair! Duke griff erneut an und diesmal schaffte Midas es nur knapp, auszuweichen. Eine Faust erwischte ihn an der Schulter und er stolperte. Ohne Waffe war Midas nichts. Er war nicht kräftig in diesem Sinne. Zwar hatte das das Training, welches ihn von Kindesbeinen an drillte, seine Schultern breit und seine Muskeln stählend werden lassen, aber er war nichts gegen Duke. Jeder Hieb von Midas landete auf harten Muskeln und seine Fäuste schmerzten ihm nach wenigen Minuten. Er war außer Atem und hielt keuchend inne. Duke trat auf ihn zu und holte zu einem neuen Schlag aus. Wenn Midas ihn nicht so besiegen konnte, musste er ihn anders ausschalten. Hebelkraft, das hatten sie vor einiger Zeit gelernt. Kurz bevor Dukes Faust sein Gesicht erreichte, duckte er sich, faste den rechten Arm seines Gegners und riss ihn nach hinten. Duke krümmte sich nach vorne und schrie schmerzerfüllte auf, doch dann sagte er ruhig: „Ich hatte schon schlimmere Schmerzen.“ Midas reagierte nicht darauf und wollte ihn zu Boden stoßen, da schmiss Duke sich nach hinten und begrub Midas unter sich. Er spürte einen harten Schlag am Kopf und ihm wurde kurz schwarz vor Augen. Midas musste seinen Griff lockern und Duke befreite sich von ihm. Sein rechter Arm hing unbrauchbar an ihm herunter und sein Gesicht war schmerzverzerrt. Midas schnappte bei diesem Anblick nach Luft. Duke hatte sich seinen Arm ausgekugelt! Bevor er reagieren konnte holte Duke mit seinem gesunden Arm aus und schmetterte seine Faust in Midas Gesicht. Sternchen tanzten vor seinen Augen und Midas spürte, wie seine Nase anfing zu bluten.  Wann hat das endlich ein Ende, fragte er sich verzweifelt, als ein weiterer Schlag ihn traf. Er wich ihm nur mühsam aus und die Faust traf seine Wange. Nicht schreien, ermahnte sich der Junge, denn dann würde er den Spott des Trainers auf sich ziehen. Endlich schritt Brom ein. „Stopp“, sagte er schlicht, doch sofort ließ Duke von ihm ab und stand torkelnd auf. „Geh in die Krankenstation“, wies er Duke an und dieser stolperte, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, aber unter dem Gejaule der anderen Jungen, aus dem Sandkreis. Mit glasigem Blick schaute Midas in den blauen Himmel und ignorierte den Spott der anderen, der ihn jetzt traf. Brom bückte sich zu dem besiegtem hinunter und Midas starrte ihn wütend an. Er ist schuld, dass ich verloren habe! „In der Arena hätte ich nicht unterbrochen“, sagte Brom barsch, doch Midas erwiderte genauso unfreundlich: „In der Arena hätte ich Duke geschlagen als er sein Schwert verlor!“ Brom reichte Midas seine Hand und zog ihn hoch. Der Junge spuckte Blut aus und wischte sich mit dem Arm über die Nase. Auf seinem nackten Arm war eine rote Schliere zu sehen. „Was jetzt?“, erkundigte Midas sich gereizt und Brom entgegnete: „Du warst listig und hast seine Schwächen ausgenutzt. Nächstes Mal verlierst du nicht mehr.“ „Ist das eine Drohung?“, fragte Midas versucht ruhig, doch Brom entgegnete nur: „Sei vorsichtig, wie du mit mir sprichst und jetzt geh dich duschen!“ Verärgert nickte Midas und ging alleine davon. Brom zu wiedersprechen konnte einem das Abendessen kosten und bei all dem harten Training war das echt eine Strafe.

Midas ging auf die Mauer zu und hielt vor einer der vielen Türen an. Er klopfte und ein Wachmann öffnete ihm. Wortlos ging Midas an ihm vorbei und trat in den dunklen Gang. Eigentlich war Midas ganz froh um die Kälte hier unten, denn sie kühlte seine brennende Wange, doch als er um die Ecke trat, hielt er abrupt inne. Vor ihm stand, mit einem Grinsen im Gesicht und verschränkten Armen, Duke und betrachtete ihn mit funkelnden Augen.

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