Das Jahr der Legenden – Kapitel 1: Trugbilder


Arwen


„Wird ein Kind unter 16 Jahren  bei einer Straftat erwischt, kann es je nach Vergehen und Situation auch ohne Einwilligung der Eltern zu einem Mündel des Spielrates verurteilt werden. Das Kind wird Eigentum des Spielrates.“

Aus: Befugnisse des Spielrates; Unterpunkt: Mündel


Arwen lag ohne sich zu bewegen auf dem großen Stein am Waldrand und lauschte mit geschlossenen Augen dem Wind. Zumindest überwiegend, denn eigentlich hoffte sie, das schlagen von Flügeln, das Schnauben einer Nase, oder das stampfen von Beinen zu hören. Doch es blieb still. In der Ferne vernahm sie schwach die Geräusche der Farm. Das Schlagen von Metall auf Metall war von ihrem Platz aus nur gedämpft zu hören, denn der Fluss am unteren Ende des Hanges übertönte es mit seinem sanften Rauschen. Plötzlich vernahm sie ein Vibrieren und schlug die Augen auf. Jemand näherte sich ihr. Arwen beschlich ein Verdacht. Mit ihren kümmerlichen Fähigkeiten erzeugte sie eine sehr schlechte Illusion ihrer selbst, die nun vor ihr stand und den Hang hinunter schaute. „Arwen?“, rief eine ihr bekannte Stimme. Ja, es war Niobe. Da half ihr ihre Illusion auch nicht weiter. Dennoch ließ sie den Schatten, der kaum nach ihr aussah, seitlich den Hang hinunterlaufen, aber wie Arwen es geahnt hatte, fiel Niobe nicht darauf herein. Noch hatte die Betreuerin sie zwar nicht gesehen, aber weglaufen würde nun auch nichts mehr bringen. Stattdessen wusste diese jetzt, wo sie war und kam zum Stein hinauf. Die Frau begrüßte sie mit einem Lächeln und setzte sich neben Arwen. Diese starrte geradeaus und beobachtete das Treiben auf der Farm, weit unterhalb von ihr. „Was tust du hier?“, fragte die Frau sie und folgte ihrem Blick. „Ich hoffte ein Monster zu sehen“, erklärte Arwen und musste fast über sich selbst lachen. So nahe der Farm fand man normalerweise keine freilebenden Monster. Niobe lächelte und strich sich ihre langen weißen Haare hinter die Ohren. Sie verbarg die Zeichen der Kälte nicht, seit Arwen sie kannte, und insgeheim war sie schon immer von den blassen Augen und den weißen Haaren fasziniert gewesen. „Hat es sehr wehgetan?“, flüsterte sie und schlug sich sofort ihre Hand vor den Mund. Sie hatte mal wieder laut gedacht. „Tut mir leid, Niobe. Es war unangebracht das zu fragen.“ Niobe nickte bedächtig und ließ ihren sanften Blick bis zu den Bergen streifen. „Was wollt Ihr von mir?“ erkundigte sich Arwen. Niobe antwortete „Bevor du in die Arena gehst, müssen wir deine Vergangenheit fertig aufarbeiten. Ich möchte, dass wir bald fertig werden. Du musst dich auf deine Ausbildung konzentrieren können.“ Ein schmerzhafter Stich durchfuhr Arwen. Das hatte sie geahnt. Deshalb hatte sie versucht, sich abzulenken und sich hier draußen versteckt. „Wenn es sein muss“, maulte sie eine Spur zu trotzig. „Nun“, erwiderte Niobe einen Hauch härter „Ich fürchte schon. Das gehört zur Ausbildung dazu, schließlich braucht das Spiel starke Frauen wie uns.“ Das Spiel. Arwens Herz machte einen Satz. Seit sie fünf war, bereitete man sie darauf vor. „Du weißt doch, dass die Monster nicht wirklich die Feinde sind oder?“ Arwen kicherte vergnügt und entgegnete: „Gewiss nicht. Wir werden sehen.“ Niobe wurde wieder ernst. „Erzähle mir von dem Tag als die Schergen dich erwischten.“ Sie erinnerte sich noch gut an den Tag, der ihr Leben in unglückgestürzt hatte:

Ein kleines Mädchen huscht hungrig über den Markt und sucht mit ihren kleinen Augen nach etwas zum Essen, dass nicht bewacht wurde und das sie mit ihren kurzen Fingern erreichen konnte. Sie war sehr hungrig, ihr kleiner Bauch knurrte schon. Nach wenigen Minuten wurde sie fündig. Vor ihr lag ein Stand, in der Auslage saftige, rote Äpfel. Ihre kleinen Finger griffen danach und schon hielt sie zwei der saftigen Früchte in ihren Händen. „Hey“, rief auf einmal jemand und sofort begann das kleine Mädchen zu rennen, so schnell ihre nackten Füße sie trugen. Wie schon so oft in ihrem kurzen Leben. Kurz darauf wurde sie von zwei Kräftigen Händen hochgerissen und die Äpfel fielen ihr aus der Hand. Schreiend zappelte sie, doch der Mann lachte nur. Ein weiterer trat vor sie und sofort erkannte sie die roten Uniformen der Schergen. Ihr Gesicht wurde blass und sie verstummte Augenblicklich. „Nana“, sagte der Scherge belustigt. „Ich werde dich schon nicht aufessen, aber gut sieht es für eine kleine und schmutzige Diebin wie dich nicht aus.“

Sie redete nicht gerne darüber. Arwen musste schlucken und begann zu erzählen: „Ich hatte wie so oft Hunger und schlich über den Markt. Joule begleitete mich.“ Niobe unterbrach sie. „Joule war dein Gwinrz oder?“ Arwen nickte und dachte an das kleine Drachenbaby zurück. Es war etwa so groß wie eine gewöhnliche Feldmaus gewesen, aber wesentlich flauschiger. Ihr Fell war sehr weich und von einem blassrosa schimmernden Ton. Ihr Kopf erinnerte an den eines Hundes, obwohl sie keine wirkliche Nase hatten. Ihre Gattung gehörte komischerweise zu den Monstern, obwohl Gwinrze ihren großen Verwandten nicht im Geringsten glichen. Feuer spucken, so wie in den alten Legenden, konnten sie natürlich auch nicht. Schließlich waren das nur Legenden, die die Fähigkeiten der putzigen Haustiere überreizt und fantasievoll ausgesponnen hatten. „Sie wurde zertreten“, erläuterte Arwen erschüttert. Niobe legte tröstend den Arm um ihren Schützling. „Das machst du gut.“  „Warum muss ich das erzählen?“, beklagte sich Arwen, „die anderen müssen so etwas nicht tun.“ „Bist du die anderen?“, fragte Niobe listig. „Ich klaute mir also einen Apfel, oder auch zwei und dabei erwischten mich die Schergen.“ Arwen hatte ihre Taktik geändert. Sie wollte das Treffen möglichst schnell hinter sich bringen und wieder ihre Ruhe haben. „Der Scherge sagte, dass sie mich auf die Farm oder ins Gefängnis brächten. Ich wählte die Farm. Seit ich fünf bin, trainiere ich nun hier. Da gibt es nichts zu erzählen.“ Ihre Stimme war leicht ruppig geworden. „Was trug sich davor zu?“, wollte die weißhaarige Frau wissen. Arwen zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich erinnere mich nicht – war zu jung.“ Niobe seufzte. „Na gut, vielleicht erzählst du es mir ein anderes Mal. Jetzt wartet erst einmal Kristos auf dich. Deine Illusionen lassen wirklich zu wünschen übrig.“

Schmollend stand Arwen auf, nicht ohne die Hoffnung, doch noch ein kleines Monster zu sehen und lief dann den Hang hinunter. Diese geistlosen Illusionen! Sie beherrschte sie noch immer nicht richtig. Obwohl sie seit Jahren übte. Fast jede sechsjährige konnte das besser als sie. Dafür konnte die 15 Jährige kämpfen wie keine zweite. Im Lauf ahmte sie verschiedene Schwerhiebe nach und besiegte mit Leichtigkeit ihren imaginären Gegner. Sie war eine Kämpferin und keine Magierin! Da konnte sie trainieren wie sie wollte. Obgleich sie hätte stolz sein sollen, die Ehre zu haben, zu einer Magierin ausgebildet zu werden, fehlten ihr doch das Talent und die Begabung. Zwar hatte jeder Mensch etwas Magie in sich, doch ihre war so gering ausgeprägt, dass sogar ein einfacher Drache mehr gehabt hätte und Drachen hatten keine Magie. Eine von den richtig Guten, den Anerkannten und Reichen zu sein hielt die Zukunft nicht für sie bereit. Dafür aber die, eine gute Kriegerin zu werden. In wenigen Wochen würde es soweit sein. Ihre Gruppe unterteilten die Mentoren in Magier und Krieger, dann müsste sie nicht mehr dieses uninteressante Magier Zeugs lernen. Bestimmt dauerte es nicht lange und ihre Magie wäre verschwunden. Wurde sie in der Kindheit nicht zutage gebracht und gefördert, verlor sie sich im Erwachsenenalter wieder und da nur der Rat die Befugnis hatte, Magier auszubilden, gab es eben nur wenige von ihnen. Ich werde es anders zu Ruhm und Ehre bringen, dachte Arwen bei sich und erreichte wieder die Farm. Vor sich sah sie eine Gruppe schick gewandeter Mädchen über das Gras auf das edle Herrenhaus zulaufen und wandte sich dem Nebengebäude zu. Im Herrenhaus wohnten die reichen Mädchen, die, deren Eltern die Ausbildung zur Magierin oder Kriegerin bezahlten. Sie dagegen war Mündel des Spiel-Rats und somit musste sie trotz ihrer erworbenen Fähigkeiten irgendwann in der Arena kämpfen. Nur wenige der reichen Mädchen mussten ebenfalls in die Arena. Es kam darauf an, was die Eltern wollten. Kurz flammte Neid in Arwen auf, doch sie schluckte ihn wieder hinunter. Wenn sie im Spiel gewänne, stiege sie auch in die hohe Gesellschaft auf, aber bis dahin musste sie hart Kämpfen und voll allem Überleben. Arwen seufzte und trat durch den steinernen Eingang der Trainingshalle. Jetzt hieß es erstmal, sich in Magie Üben!

Bei Kristos wartete schon ein anderes Mädchen und Arwen stellte sich neben ihre Freundin Hora, die bereits kunstvolle Illusionen erzeugte. Die kühle Steinhalle war eine Erfrischung zu dem warmen Wetter draußen und zwischen den hohen Wänden hatte sich genügend Luft gesammelt, um das verschwitzte Mädchen abzukühlen. Heute hatte sie mit ihrer besten Freundin zusammen ein Einzeltraining, aber natürlich war sie zu spät und es fiel ihrem Lehrer sofort auf. Sein strenger Blick streifte sie und etwas kleinlaut schaute sie den groben Boden an und hatte Glück, ihr Lehrer wandte sie vorerst wieder seinem Buch zu. Leise flüsterte Arwen Hora zu: „Ich habe eben einige von den reichen Mädchen gesehen. Sie waren gänzlich schick angezogen. Hast du etwas von einem Besuch gehört?“ Hora zuckte mit den Schultern und versuchte ihre wackelnde Vogelillusion schnell wieder zu festigen. „Was gibt es zu bereden? Warum hast du nicht mit deiner Illusion begonnen Arwen?“, fragte Kristos unduldsam, schlug sein Buch zu und trat vor die beiden Mädchen. Hora verlor endgültig ihre Konzentration. Der silberne Vogel zerfiel und nichts als glitzernder Staub blieb übrig, der leise zum Boden hinunter rieselte. „Die reichen Mädchen waren sehr aufgetakelt, gibt es hohen Besuch?“, erkundigte Arwen sich frech. Sie fand es unfair, dass diese besser behandelt wurden als ihresgleichen. Kristos ermahnte sie. „Da Ihr nicht mit ihnen verkehrt, braucht euch das nicht zu tangieren.“ Arwen hasste es, wenn Kristos so hochgestochen redete, doch ihr blieb nichts anderes übrig als die Zähne zusammen zu beißen und zu nicken. „Nun denn, dann solltet Ihr mit Euren Übungen beginnen.“ „Natürlich Kristos“, versicherte die fast 16 Jährige schnell und erzeugte ein kleines Monster, vor ihr in der Luft. Von erschaffen konnte jedoch kaum die Rede sein. Es handelte sich wohl viel mehr um den Versuch einer Illusion. Über mehrere Minuten hinweg versuchte sie es zu perfektionieren, doch der spitze Kopf des Tieres blieb eher Oval und die Farbe sah aus wie ein Gemisch von brauner und grüner Farbe. Von dem stolzen Schimmern der Rottöne war nichts zu erkennen, ganz zu schweigen von den Details. Zweifelnd blickte sie auf und traf Kristos resignierenden Gesichtsausdruck. „Entsetzlich“, kommentierte er und schüttelte den Kopf. „Wo sind die Füße des Tieres?“ Schnell erschuf Arwen die vier Beine des Tiers und versuchte sie ungeschickt an die richtigen Stellen zu bringen. Es ärgerte sie, dass sie sie vergessen hatte. „Und warum hat das Tier die falsche Farbe?“ Arwen atmete genervt aus und ignorierte die Schweißtropfen, die sich vor Anstrengung auf ihrer Stirn gebildet hatten.

Nach einer Stunde und unzähligen Anweisungen Kristos, war ihre Illusion zumindest so realistisch, dass ein ungeübter Blick für einen kurzen Moment abgelenkt gewesen wäre. Starr verweilte das kleine Monster mit leeren Augen vor ihr in der Luft. Eine tiefe Falte hatte sich auf Arwens Stirn gebildet und sie versuchte das Bild aufrecht zu erhalten. Kristos verschränkte die Arme vor seiner Brust und ging mit seinem Oberkörper ganz nah an ihr Geschöpf heran. Er räusperte sich. „Entsetzlich.“ Arwen seufzte und ließ ihre Illusion wieder zu Luft werden. „Das sagtet Ihr bereits vor einer Stunde. Warum habe ich dann weitergemacht?“ Kristos zog eine Augenbraun hoch und erläuterte: „Damit Ihr mehr Übung erhaltet. Schließlich braucht ihr diese, um Magierin zu werden.“ „Ich werde Kriegerin“, erwiderte Arwen überzeugt und Kristos wendete abfällig seinen Blick ab. Er hielt nicht viel vom „Herumschlagen mit Eisen“. Als wäre das alles, was „Krieger“ bedeutete. Sein Blick fiel auf Hora und sein Gesicht hellte sich merklich auf. Arwen wendete den Kopf und betrachtete bewundernd die zwei graziösen Drachen, die munter umeinander tanzten und spielten. Ihre Körper waren lebendig und selbst die Schatten, die auf ihrer bunt schimmernden Haut umherwirbelten waren echt. „Ich glaube, du wirst Magierin“, sagte Arwen überzeugt und Hora nickte mit einem Glitzern in den Augen. „Das wäre wundervoll. Wie viel ich noch lernen könnte.“ Sie seufzte tief und ihre Illusionen schauten sie fragend an. Hora bedeutete ihnen, weiterzuspielen und sofort stiegen sie im Raum auf. Kristos sagte anerkennend: „Wundervoll. Sie haben Talent meine Liebe. Genießt den herrlichen Nachmittag draußen.“ Mit einem dankenden Lächeln verschwand Hora durch den steinernen Torbogen ins Sonnenlicht. Frustriert sah Arwen ihr nach, als Kristos auch schon sagte: „Bitte erneut Arwen. Das war wirklich entsetzlich. So etwas darf sich nicht Illusion nennen. Schließlich habe ich meinen Ruf zu verteidigen.“

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